Istanbul wie es anfing

Im Flugzeug musste jemand beim Hinflug auf den Sitz gekotzt haben. Jedenfalls konnte man noch deutliche Spuren davon im Sicherheitsgurt wahrnehmen. Auch der Sitz stank tierisch. Der Steward wischte dann noch ein bisschen pro forma daran herum, aber die Ankunft in Istanbul war alleine schon aus diesem Grund unheimlich erfreulich.

Helga tat alles, um mich davon abzulenken. Zum Beispiel, von ihren insgesamt 30 Jahre währenden Affairen mit diversen verheirateten türkischen Männern erzählen. Spannend, wenn eine 67jährige ehemalige Lateinlehrerin mal so aus der Kiste plaudert. Als Schülerin, früher, hatte ich immer nur mit so furztrockenen Lehrern und Lehreinnen zu tun. Denen hätte ich ein internationales, wildes Liebesleben in der Form nie zugetraut. Jedenfalls fühlte ich mich im Vergleich mit meiner Mitreisenden wie ein naives Mädelchen, was mit 39 Jahren ja doch eher ungewohnt ist.

Während sich unter uns der Bosporus ausbreitete, machte sich in mir das Gefühl breit, einem Sündenbabel entgegenzufliegen. Wohlgemerkt: für mich ist das Wort Sündenbabel durchaus positiv besetzt. Nach drei Jahren Single-Dasein kann ich mir eigentlich nichts Schöneres wünschen als ein massives, mein Leben aufwühlendes, allumfassendes und intensives Sündenbabel.

Also: Sündenbabel, ich komme.

Tralala - und was die Grafikerin sagt

"Ich habe heut mal in deinen Blog reingeschaut..."
Vielsagend schweigt mich Gerda Grafikerin über ihren Brillenrand an.

Ja, Gerda, ich gebe es zu: ich hab immer noch nichts geschrieben!

Meine Ausflüchte sind vielseitig.
"Urgx, ja, hm, äh, ich hatte noch keine Zeit. Und das Password hab ich auch vergessen. Und auf der Seite kenne ich mich nicht aus...und vor allem: ich muss endlich mal meinen Arsch hochkriegen und da einfach was reintippseln."

Die Brille hinter dem Apple funkelt hintergründig.
"Schreib doch über den Mann in Berlin."

Weiß nicht, ob ich das mache: ich meine - da steckt momentan echte Emotion drinnen. Breitet frau die einfach so in einem Blogg aus?

"Hast doch früher bei dem Sching-Xing-Ding da auch Sachen geschrieben."

Recht hat sie. Vielleicht endlich mal meine Geschichten, die mir im Kopf rumgehen, zu Computer bringen, wenn schon nicht zu Papier. Soll – in anderer Form – Dickens ja angeblich auch so gemacht haben. Jeden Tag eine fixe Wortanzahl für ein Magazin. Danach: keine Korrekturmöglichkeiten mehr, sondern irgendwann wurde aus den einzelnen Tagen ein Roman von 800 Seiten, und irgendwie hat der's auch hinbekommen. Und leben musste er von seinen Wörtern auch noch (weshalb er ja angeblich auch immer so ausführlich beschrieben hat: jede Landschaftsbeschreibung war da sozusagen die Butter auf's Brot.)

Also, Frau Gerda: ich bleibe dran, versprochen!